Im Labyrinth der Bücher

von der Klasse 6b des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums

In der Deutschen Nationalbibliothek hat jedes Schriftstück seinen Platz. Lesen darf dort fast jeder.

Deutsche Nationalbibliothek/Stephan Jockel


Über dem Foyer wölbt sich eine riesige Glaskuppel, die Wände sind kahl und grau, nur in der Mitte des Raums steht eine große bunte Statue. Hinter einer Glaswand ist der riesige Lesesaal zu sehen, in dem schon viele Leser sitzen, vertieft in vor ihnen liegende Bücher. Stephan Jockel kommt die lange graue Treppe herunter, er ist der Pressesprecher der Deutschen Nationalbibliothek und empfängt die Klasse 6b des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums. Er führt die Schüler zu einem Glaskasten, in dem ein Modell des Gebäudes zu sehen ist. Schon das Gelände wirkt riesig, 9300 Quadratmeter wurden oberirdisch bebaut.

Nur zwei Nationalbibliotheken in Deutschland

Ein Großteil der Bibliothek ist allerdings gar nicht sichtbar, drei Magazingeschosse liegen unter der Erde. Jedes davon so groß wie ein Fußballfeld. Langsam verstehen wir, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, eine Nationalbibliothek in der eigenen Stadt zu haben: Seit 1913 ist es ihre Aufgabe, alle in Deutschland sowie alle im Ausland in deutscher Sprache veröffentlichten Medienwerke zu sammeln. Ursprünglich geschah das zunächst in Leipzig. Nach der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Frankfurt der Standort für die Nationalbibliothek der Bundesrepublik. Seit der Wiedervereinigung 1990 gibt es nun zwei Standorte mit insgesamt fast 40 Millionen Medien in den Magazinen. 

Bücher lagern bei 18 Grad und ohne Tageslicht

Gemeinsam verlassen wir die Eingangshalle. „Kein Zutritt für Unbefugte“ steht auf der Tür, die wir nun demütig durchschreiten. Es geht durch ein Labyrinth von Gängen und Treppen, bis Stephan Jockel eine Tür öffnet: An der Decke fahren graue Kisten wie kleine Züge auf Schienen umher. Darin befinden sich die Bücher, die die Besucher im Lesesaalbestellt haben und die nun dorthin transportiert werden. Gepackt wurden die Kisten in einem der großen Magazine. Hier, in den Untergeschossen, lagern die Bücher unter optimalen Bedingungen: ohne Tageslicht, bei 18 Grad Celsius und fünfzigprozentiger relativer Luftfeuchte in riesigen fensterlosen Hallen. Die Magazine sind so dicht mit Regalen vollgestellt, dass die Regalwände beweglich auf Schienenstehen müssen. So spart man Platz, weil man nicht zwischen allen Regalen einen Gang benötigt,  sondern die anderen Regale quasi zusammenschieben oder –kurbeln kann, um einen Gang zu erzeugen.

Ein falsch einsortiertes Buch findet man nicht wieder

So viele Bücher haben wir noch nie an einem Ort gesehen. Nach einer Comic-Ecke fragen wir allerdings vergebens, die Bücher hier sind nämlich nicht thematisch sortiert wie in unserer Schulbibliothek, sondern nach ihrem Erscheinungsjahr. Hier unten darf ohnehin niemand stöbern, nur die Angestellten der Deutschen Nationalbibliothek haben Zugang zu den Regalen und suchen für die Besteller die gewünschten Bücher heraus. An die Stelle, an der das Buch stand, kommt eine sogenannte Stellvertreterkarte. Das ist unglaublich wichtig, denn ein einmal wieder falsch einsortiertes Buch lässt sich im Grunde nie wiederfinden, es ist verloren, obwohl es eigentlich noch da ist. 

Mit dem Fahrstuhl geht es hoch in den Bürotrakt. Es riecht nach Kaffee in den freundlichen hellen Fluren mit Teppichboden und grünen Pflanzen. Am Ende eines Korridors zeigt uns Stephan Jockel die Medienstation. Riesige Stapel von großen und kleinen, dicken und dünnen, vollen und leeren Paketen liegen dort. In der Medienstation werden jeden Tag um die 1000 Bücher ausgepackt und sortiert. Dazu kommen Medien in digitaler Form. Von jedem Buch, das in Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht wird und das eine Auflage von mehr als 25 Exemplaren hat, müssen laut Gesetz zwei Exemplare an die Deutsche Nationalbibliothek gesendet werden, eins für Frankfurt und eins für Leipzig. Wenn Autoren oder Autorinnen dies nicht machen, wird eine Geldstrafe bis zu 10 000 Euro fällig. Frankfurt und Leipzig sind also die einzigen Orte in Deutschland, an denen jegliche deutsche und deutschsprachige Literatur gesammelt wird. 

Besucher aus der ganzen Welt

Hinter der nächsten Tür bleiben wir erstaunt stehen. Vor uns liegt ein großer, runder, lichtdurchfluteter Raum, der über den Dächern des Frankfurter Nordends zu schweben scheint. Der Ausblick ist grandios. In der Mitte des Raums befindet sich ein großer runder Tisch mit schweren Drehstühlen. Wir  nehmen Platz und fühlen uns wie in der Vorstandsetage einer großen Bank. Dieser Raum wird, wie wir erfahren, auch vermietet.  So kann die Deutsche Nationalbibliothek Einnahmen erzielen, denn sie muss jährlich 1,2 Millionen Euro selbst verdienen, um die Bibliothek gut erhalten zu können.

Der Anspruch, alle Bücher zu besitzen und keines jemals zu verlieren, ist der Grund dafür, dass keine Bücher ausgeliehen werden. Wer eines der Bücher aus dem Bestand lesen will, muss in den Lesesaal nach Frankfurt kommen. Wie uns berichtet wird, reisen Interessierte aus der ganzen Welt deshalb an und studieren die Bücher im Lesesaal. Auch wir dürfen uns diesen Raum anschauen, der als einziger für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Hier können wir frühestens in sechs Jahren wieder rein, wenn wir 18 sind. Eine konzentrierte Stille empfängt uns, man kann nur das Klicken der Computertastaturen und das Umblättern von Seiten hören. Mehr als 500 Menschen arbeiten täglich in diesem riesigen Raum, vor allem Studenten, aber auch ältere Menschen scheinen die Bibliothek zu nutzen. Wir sehen vollgepackte Regale, an einer Bücherwand steht eine Leiter, mit der man die obersten Regalfächer erreichen kann. Über eine Wendeltreppe gelangen wir auf die nächste Ebene. Sessel laden zum bequemen Lesen ein. Wir dürfen aber nicht bleiben und marschieren schweigend zum Ausgang. Eins wissen wir schon jetzt sicher: Wir kommen wieder, sobald wir dürfen.