„Schon 100.000 ukrainische Geflüchtete in Frankfurt beraten“

von Klasse 6c, Heinrich-von-Gagern-Gymnasium

Die Klasse 6c des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums hat die Frankfurter Sozialdezernentin Elke Voitl zur Situation ukrainischer Geflüchteter in Frankfurt befragt.


Guten Morgen Frau Voitl. Wir freuen uns sehr über Ihren Besuch und dass Sie sich als Sozialdezernentin für uns Zeit genommen haben.
Guten Morgen. Ich freue mich, dass ihr mich eingeladen habt. Ich habe noch nie mit Kindern über das Thema gesprochen und bin gespannt auf eure Fragen.

Wie gehen Sie mit der Flüchtlingslage in Frankfurt um?
Am zweiten Tag des Krieges bekamen wir einen Anruf vom Außenministerium in Berlin, in dem es hieß, dass sehr viele Menschen nach Frankfurt unterwegs sind. Wir beriefen eine Krisensitzung ein und handelten sofort. Wir haben uns nach dem Anruf vor allem damit beschäftigt, Unterkünfte und Feldbetten zu besorgen. Für mich war das Wichtigste, dass die Ankommenden, vor allem die vielen Frauen und Kinder, eine sichere Unterkunft bekommen und nicht am Hauptbahnhof schlafen müssen.

Bewegt Sie das Thema sehr, wenn Sie sich jeden Tag damit auseinandersetzen?
Ja, das bewegt alle sehr. Die Menschen, die in den Notunterkünften arbeiten, haben eine sehr harte Arbeit. Sie haben viel Kontakt zu den Menschen, die ihnen von ihren Sorgen erzählen. Das erzählen sie natürlich auch mir. Aber wir reden immer gut über die Dinge und versuchen eine Lösung zu finden.

Wie werden die Geflüchteten untergebracht und wie viele Plätze sind noch vorhanden?
Ich schätze, dass Stand 25. Mai 2022 insgesamt 12.000 Geflüchtete aus der Ukraine, und, das will ich nicht vergessen, 4000 Menschen aus anderen Ländern in Frankfurt sind. Das sind so viele wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Weil es für so viele Menschen nicht genug Wohnungen oder Gemeinschaftsunterkünfte gibt, mussten wir Nothallen einrichten. Dort sind mit Trennwänden kleine Bereiche für Familien abgetrennt, aber es ist natürlich sehr laut. An der Messe sind aktuell 1000 Menschen untergebracht und es sind noch einmal 1000 Plätze frei. Teilweise haben wir auch Büroräume umgebaut.

Wie können Geflüchtete eine Wohnung bekommen?
Wir haben die Internetseite www.frankfurt-hilft.de geschaltet, über die sich Menschen melden können, die eine freie Wohnung haben. Wir haben 340 Wohnungsangebote bekommen. Davon haben wir schon 100 an Familien vermietet, wobei ich dazusage, dass auch Familien aus anderen Ländern, die schon ganz lange in großen Unterkünften gelebt haben, eine Wohnung erhalten haben. Wir haben auch zehn ganze Hotels angemietet und dort Geflüchtete untergebracht. Wir versuchen immer, dort eine Küche einzurichten, beispielsweise auch in einem Zelt auf dem Hof.

Wie wird ansonsten das Essen der Geflüchteten organisiert?
Wenn es gut läuft, kochen sie selbst, das ist den Menschen am allerliebsten. An der Messe zum Beispiel wird es vom Arbeiter-Samariter-Bund organisiert. Das Essen wird in Großküchen in Griesheim gekocht. Von dort wird es in die jeweiligen Unterkünfte gefahren und dort gibt es ein großes Buffet. Sehr viele Menschen sind mit dem Essen beschäftigt. Es gibt auch vegetarisches oder koscheres Essen für Menschen jüdischen Glaubens oder Essen ohne Schweinefleisch für muslimische Menschen.

Und welche Pläne gibt es für den Fall, dass in einer Unterkunft Corona ausbricht?
Es stehen zwei freie Hotels zur Verfügung für den Fall, dass in einer Unterkunft Corona ausbricht und die infizierten Menschen isoliert werden müssen. In den Hallen herrscht absolute Maskenpflicht, nur zum Essen dürfen die Masken abgenommen werden.

Wie viele Menschen kamen zu welcher Zeit des Krieges nach Frankfurt?
In der ersten Woche kamen zwischen 500 und 1000 Menschen aus der Ukraine in Frankfurt an. Als Russland seine Angriffe verstärkte, kamen in ungefähr drei Wochen mehrere Tausend Menschen. In der Spitze wurden täglich 2000 Geflüchtete in Frankfurt beraten. Seit Kriegsbeginn hat beispielsweise die Bahnhofsmission im Hauptbahnhof in Frankfurt bereits 100.000 Geflüchtete beraten und betreut. 90.000 von ihnen sind weitergefahren, weil sie Freunde oder Verwandte in anderen europäischen Städten oder Ländern haben. Rund 10.000 Menschen sind bisher in Frankfurt geblieben. Insgesamt sind Stand 25. Mai knapp drei Millionen Geflüchtete in Deutschland angekommen. Wir stellen uns darauf ein, dass noch sehr viele nach Frankfurt kommen werden. Auch darauf sind wir vorbereitet.

Welche finanzielle Unterstützung erhalten ukrainische Geflüchtete?
Sobald ukrainische Geflüchtete in Frankfurt ankommen, werden sie vom Frankfurter Sozialamt beraten. Sie bekommen sofort eine Krankenversicherung und haben Anspruch auf Sozialhilfe. Diese wird auf ein Konto überwiesen, das sie eröffnen dürfen, oder auch bar ausgezahlt. Zurzeit ist es so, dass ein erwachsener ukrainischer Geflüchteter etwa 400 € monatlich bekommt. Wenn es Kinder in der Familie gibt, ist es entsprechend mehr.

Ist das auch so bei Geflüchteten zum Beispiel aus Afghanistan?
Im Gegensatz zu Geflüchteten aus anderen Ländern, die in Deutschland im Asylbewerberleistungsgesetz sind, sind ukrainische Geflüchtete im normalen Sozialgesetz. Das hat der Bund so beschlossen. Ich würde mir wünschen, dass alle die gleiche Hilfe bekommen.

Woher kommt das Geld und was für finanzielle Auswirkungen hat das auf Frankfurt?
Das ist leicht zu beantworten. In meinem Dezernat habe ich etwa 1,2 Milliarden Euro im Haushalt. Der größte Teil ist für Menschen, die soziale Leistungen bekommen. Aber: Wenn ich etwas ausgegeben habe, stelle ich der Bundesrepublik eine Rechnung über den ausgegebenen Betrag. Da mir der Bund das Geld größtenteils zurückzahlt, ist das keine finanzielle Belastung für Frankfurt.

Gibt es Kinder, die ohne Eltern nach Frankfurt kommen?
In Frankfurt sind zurzeit 360 geflüchtete Kinder zwischen zehn und siebzehn Jahren, die ohne Eltern hier angekommen sind. Davon sind 32 Kinder aus der Ukraine. Die anderen kommen alle von sehr weit weg, aus Afghanistan, aus Syrien, aus Afrika. Sie kommen in ein Kinderheim, wo pädagogische Fachkräfte sie betreuen. 

Wie werden die Kinder in den Unterkünften betreut?
In allen unseren Notunterkünften gibt es Bereiche für Kinder mit ausgebildeten pädagogischen Fachkräften. Die Kinder trauen sich da am Anfang aber gar nicht hin. Es dauert immer ein bisschen, bis sie sich an soviel Neues gewöhnt haben und viele sind auch sehr traurig, weil sie nicht nach Hause können. Im besten Fall kommen die Kinder in die umliegenden Kindertagesstätten.

Wie wird der Unterricht für ukrainische Kinder organisiert?
In Frankfurter Schulen werden Intensivklassen eingerichtet, in denen die Kinder und Jugendlichen Deutsch lernen. Mich hat bei meinen Besuchen in den Notunterkünften besonders beeindruckt, dass die ukrainischen Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler in ganz Europa weiterhin online von der Ukraine aus unterrichten. Das ist für die Kinder sehr wichtig, weil es die einzige Möglichkeit ist, sich noch zu sehen und mit der Heimat in Kontakt zu bleiben. In der Ukraine gibt es keine Schule, die kein WLAN hat. Die sind da sehr viel weiter als wir. In unserem Dezernat gibt es auch kein WLAN.

Wie groß ist die Hilfsbereitschaft in Frankfurt?
Die Unterstützung ist sehr groß. In den Notunterkünften gibt es nicht so viele Freiwillige, dort sollten nur ausgebildete Menschen arbeiten, die das auch als Beruf haben. Aber sehr viele Freiwillige haben geholfen die Feldbetten in den Turnhallen aufzubauen oder die Trennwände aufzustellen.

Welche Dinge werden vor allem gespendet?
Es gibt immer Aufrufe, was gerade gebraucht wird. Häufig gespendet werden Kleider, Kochutensilien oder Spielsachen, einfach alles, was man zum Leben braucht.

Sie sind ja jetzt schon seit September 2021 Sozialdezernentin. Was hat Sie dazu bewegt?
Es war anfangs nicht mein Plan, Sozialdezernentin zu werden. Ich war nach dem Abitur zunächst im Ausland. Nach zwei Jahren in Kamerun und Irland kam ich nach Frankfurt und studierte Sozialarbeit. Danach habe ich viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, vor allem mit Mädchen. In Gießen habe ich mich mit Armut beschäftigt und mit Planung, z.B., wo Kindertagesstätten oder Schulen gebaut werden sollen. Dann kam ich zurück nach Frankfurt, zunächst ins Frauenreferat und dann als Büroleiterin im Bildungsdezernat. Nach der Kommunalwahl in Frankfurt wurde ich dann Sozialdezernentin.

Was wünschen Sie sich als Sozialdezernentin für die Zukunft?
Zuallererst wünsche ich mir, dass der Krieg schnell vorbeigeht und niemand flüchten muss. Mal abgesehen von dem Krieg in der Ukraine finde ich es auch sehr wichtig, dass Kinder mit weniger Geld oder schlechten Bedingungen die gleichen Möglichkeiten haben. Wir arbeiten da schon an Lösungen.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!