Studieren vom Kinderzimmer aus

von Theresa Reiner, Antonia Pfeiffer, Josefine von Königsmarck und David Ungar aus der Klasse 9c der Bischof-Neumann-Schule, Königstein

Die Corona-Krise stellt auch Studenten vor besondere Herausforderungen. Die 20 Jahre alte Stefanie verbringt ihr Auslandssemester im Elternhaus bei virtuellen Vorlesungen und Online-Klausuren. Nicht nur darüber macht sie sich Gedanken.

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Es ist frühmorgens. Der neue Tag hat erst vor wenigen Stunden begonnen. Normalerweise hätte sich die Studentin Stefanie längst mit dem Fahrrad auf den Weg von ihrer Studenten-WG zur Universität gemacht. Doch seit Wochen sieht alles anders aus. Die Unis sind leer. „Seit der Corona-Krise geht auch bei uns alles nur noch digital“, berichtet sie. Schon seit vier Wochen finden ihre Jura-Vorlesungen und auch Französisch nur noch digital statt. Zunächst habe man versucht, in der Uni und der Bibliothek Abstand zu  halten. Schließlich aber stellte die Universität Lausanne wie alle Schweizer Universitäten auf Online-Vorlesungen um. „Das fällt mir schon nicht leicht, aber wir müssen uns jetzt alle mit der Situation abfinden“, sagt die Zwanzigjährige, die inzwischen wieder von ihrem Elternhaus im Taunus aus den Vorlesungen folgt. Sie schaut ein wenig verzweifelt nach unten, blickt dann auf: „Ich habe mir um mein Sommersemester in diesem Jahr richtig viele Gedanken gemacht, und ich hatte mich so auf das Auslandssemester in Lausanne gefreut.“ Schließlich seien auch viele Vorbereitungen notwendig gewesen: Von der Antragstellung an der Uni Heidelberg bis zur Gestattung des Auslandssemesters, die WG-Zimmer-Aufgabe in Heidelberg, die WG-Suche in Lausanne und manches mehr.

Lockdowm mitten im laufenden Semester

„Gerade hatte ich mich in Lausanne so richtig eingelebt, als sich die Situation in der Schweiz und auch Deutschland zugespitzt hat.“ Nachdem die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz geschlossen und Grenzkontrollen eingeführt worden waren, war für die Studentin unklar, ob, wann und wie eine Rückreise nach Deutschland möglich sein würde. „Das war der Moment, zu dem alle meine Kommilitonen und ich aus der Schweiz zurück nach Deutschland gereist sind.“ Inzwischen wohnt Stefanie wieder zu Hause bei ihren Eltern und den beiden Geschwistern im Vordertaunus. „Alles ist jetzt natürlich gar nicht so, wie ich es geplant und mir vorgestellt hatte.“ Relativ schnell stand fest, wie es für die Studenten in Lausanne weiter geht. Denn anders als für die Studenten in Deutschland fand der Lockdown nicht in den Semesterferien, sondern wegen unterschiedlicher Präsenzzeiten  im Vergleich zu Deutschland im laufenden Semester statt. 

Austausch in Arbeits- und Lerngruppen fehlt

Auch Stefanie macht sich Gedanken darüber, wie es jetzt weiter gehen könnte. Im Moment schreibt sie gerade eine Hausarbeit im Zivilrecht und eine Seminararbeit in einem rechtsvergleichenden Thema von zu Hause aus. Daneben gibt es auch schriftliche Prüfungen online. Das sei allerdings ganz anders als das Schreiben von Klausuren zusammen mit all den anderen Studenten im Vorlesungssaal. „Die Corona-Krise ist für uns Studenten eine besondere Herausforderung, gerade wegen der Prüfungen.“ Das bringe viele an ihre persönlichen Grenzen, vor allem, weil der Austausch in Arbeits- und Lerngruppen wegfällt. „Auch bin ich es zum Beispiel gewohnt, in der Unibibliothek meine Hausarbeiten zu schreiben und auch zu lernen, da ist es eine sehr große Umstellung, dass ich mich jetzt wieder in meinem alten Kinderzimmer wiederfinde.“ Auch das Leben als Student sei natürlich ganz anders, wenn man mit Freunden in einer Studenten-WG wohne. Doch hat die Zwanzigjährige die Herausforderung des Online-Studierens angenommen. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie auch dieses Semester gut nutzen wird, auch wenn alles anders ist als geplant. 

Nicht allen Studierenden geht es so gut wie ihr. Denn viele sind in der Corona-Krise in eine finanzielle Notlage geraten, lange hofften sie auf Unterstützung. So ging es auch einer Freundin von Stefanie, die lange nicht wusste, wie sie ihre Miete zahlen soll. Da sei die Überbrückungshilfe gerade noch rechtzeitig gekommen. „Allerdings werden die Kreditaufnahmen ihr Leben auch in  Zukunft eine ganze Weile lang belasten“, berichtete Stefanie. 

Sorge um die Großmutter

Sie vermisst die Uni und ihr Studentenleben sehr. Ihre Freunde nicht zu sehen fällt ihr schwer. „Ich hoffe, das Ganze ist bald vorbei. Darum ist es jetzt besonders wichtig, dass wir uns alle an die Regeln halten.“ Dass mittlerweile schon einige coronabedingte Einschränkungen gelockert wurden, beruhigt die Studentin. Sie seufzt und sagt: „Na ja, es ist zwar gut, dass Geschäfte und Museen wieder geöffnet werden, aber die Normalität fehlt natürlich noch immer. Ich habe mir aber vorgenommen, weitestgehend optimistisch zu bleiben.“ Nach der Corona-Krise freut sich die Studentin darauf, „alle aus meiner Großfamilie wiederzusehen“, wie sie sagt, und zeigt auf ein hinter ihr hängendes Familienfoto. Niemand aus ihrer Familie sei bis jetzt an dem neuartigen Virus erkrankt. Dennoch macht sie sich große Sorgen um ihre Großmutter, die gleich zu Beginn des Lockdowns zu Hause gestürzt ist und sich den Knöchel gebrochen hat. Nach der notwendigen Operation und anschließendem Krankenhausaufenthalt befinde sie sich jetzt in einer Reha-Klinik. „Dort ist es ähnlich wie in Pflegeheimen, ständig lebt man in der Sorge, dass sich die Lage kurzfristig ändern und extrem zuspitzen kann.“ Darüber mache sie sich viele Gedanken. Auch, weil mehr als fünf Wochen lang niemand die Großmutter besuchen durfte. „Wir telefonieren miteinander, das hilft immer ein bisschen.“ Sie lächelt, als sie an ihre Großmutter denkt. „Meine Oma liegt mir besonders am Herzen, ich möchte sie und andere ältere Menschen schützen“, sagt sie. Darum halte sie sich immer an die Hygiene- und Abstandsregeln. Auch  die  Maskenpflicht  macht  ihr nichts aus. Sie zieht ein weißes Exemplar hervor. „Die hier habe ich bei einem kleinen Schneider im Vordertaunus gekauft“, erzählt sie. Er hat zur Aufbesserung seines Umsatzes auch auf Maskenherstellung umgestellt. „Das ist wirklich eine tolle Sache, und ich würde mir wünschen“, sagt die junge Frau, „dass mehr Menschen diese Arbeit schätzen und auch die kleineren Betriebe beim Kauf einer Maske  unterstützen.“ Denn gerade ihnen setzt die Corona-Krise besonders hart zu. Viele Geschäfte hatten fast  zwei Monate lang geschlossen oder in der Zeit des Lockdowns weniger Gewinn machen können. Daher droht einigen von ihnen das Aus. 

"Egoismus ist nicht der richtige Weg"

Stefanie nutzt ihre Freizeit momentan gerne zum Joggen im Taunus. „In letzter Zeit bin ich echt gerne draußen gewesen, weil das Wetter so toll war. Da hat es mir gar nichts ausgemacht, dass das Fitnessstudio geschlossen war. Immer wieder habe ich mich auch einzeln mit Freunden getroffen, die auch gerade wieder zu Hause sind, und wir sind zusammen spazieren gegangen – natürlich unter Einhaltung der Abstandsregelung.“ In Frankfurt verbringt sie hingegen im Moment kaum Zeit. „Dort bin ich momentan nicht gern. Es ist voll, und überall ist Ordnungspolizei. Das ist natürlich notwendig, aber keine besonders tolle Atmosphäre zum Spazierengehen, da fühle ich mich eher beobachtet als entspannt.“ Es komme nicht selten vor, dass in den deutschen Innenstädten gesellige Menschenansammlungen aufgelöst würden, doch glücklicherweise seien die Menschen größtenteils einsichtig, was die Maskenpflicht und andere Regeln betreffe, sagt die Jurastudentin. Beim Einkaufen habe sie aber manchmal eigenartige Szenen beobachtet, besonders zu Beginn der Corona-Krise. „Als ich im April in einem Drogeriemarkt einkaufen war, habe ich dort zwei Männer gesehen, die sich um eine Toilettenpapierpackung gestritten haben und anschließend handgreiflich wurden.  Die Drogeriemitarbeiter konnten die Situation zum Glück schnell und friedlich klären. Trotzdem war das ein sehr egoistisches Handeln von beiden Seiten und hat nichts mit Solidarität zu tun“, meint die junge Frau. In nicht wenigen deutschen Städten kam es zu ähnlichen Situationen, bei denen es um Toilettenpapier, Mehl, Milch, Hefe oder andere begehrte Lebensmittel ging. „So etwas macht mich wirklich sauer, es ist doch genügend für alle da“, sagt die Zwanzigjährige. Jeder könne etwas zur Verbesserung der Situation beitragen, indem er an seine Mitmenschen denke. „Alle müssen lernen, mit dieser Situation umzugehen – Egoismus ist dafür nicht der richtige Weg.“