ZEITUNGSFRÜHSTÜCK AN DER HELMHOLTZSCHULE
9. Februar 2026 von Elisabeth Brachmann, Stiftung Polytechnische Gesellschaft
Was beschäftigt Jugendliche, wenn es um Nachrichten, soziale Medien und die Zukunft der Medien geht? Beim Zeitungsfrühstück des Programms "Meine Zeitung – Frankfurter Schulen lesen die F.A.Z." diskutierten Schülerinnen und Schüler der Helmholtzschule mit Vertreterinnen und Vertretern der Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft über genau diese Fragen – ohne Scheu vor kontroversen Themen.
Es ist kurz vor zehn Uhr, als sich die Aula der Helmholtzschule füllt. Zwei neunte Klassen haben Platz genommen. Auf dem Podium begrüßt Schulleiter Gerrit Ulmke Carsten Knop, F.A.Z.-Herausgeber, Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Rainer Schulze, Redakteur im Ressort Rhein-Main der F.A.Z., und Anne Bachmann, stellvertretende Bereichsleiterin Bildungslandschaft und Sprachbildung der Stiftung. "Nutzt die Gelegenheit. Spätestens ab heute ist es an euch, in die Nachfolge der Personen auf diesem Podium einzutreten," appelliert Ulmke an seine Schülerinnen und Schüler im Publikum.
Bis Ende März lesen, analysieren und diskutieren 36 Klassen mit 964 Schülerinnen und Schülern in Frankfurt aktuelle Beiträge aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sie üben, Online-Nachrichten einzuordnen, Social-Media-Inhalte kritisch zu reflektieren und journalistische Prozesse nachzuvollziehen. Hierzu wurden die Lehrkräfte auf das Projekt vorbereitet. Im Februar folgt zusätzlich ein Impuls zum Thema "Digitales Lesen" mit Prof. Dr. Andreas Gold (Goethe-Universität Frankfurt). Jede Schülerin und jeder Schüler erstellt eine eigene Langzeitarbeit, die besten Arbeiten werden im Juni bei einer Zeitungsgala in der Alten Oper ausgezeichnet.
Medienkompetenz zwischen Social Media und KI
In der Aula der Helmholtzschule geht es zunächst um die Mediennutzung der Jugendlichen. Das Podium befragt die anwesenden Schülerinnen und Schüler: Wie informiert ihr euch? Wie erkennt ihr Falschmeldungen? Und braucht es mehr gesetzliche Regelungen für soziale Medien? Ein Schüler berichtet, seine jüngeren Geschwister seien online mit ungefilterten, teils verstörenden Inhalten konfrontiert worden. "Vielleicht wäre Social Media erst ab 14 sinnvoll", schlussfolgert er deshalb. Andere Schülerinnen und Schüler in der Runde halten dagegen: Altersbeschränkungen gebe es bereits, etwa bei TikTok. Diese könnten aber einfach umgangen werden, entscheidend sei die Durchsetzung.
Auch beim Thema Desinformation äußern sich die Jugendlichen selbstbewusst. Sie seien geübt darin, Fake News zu erkennen, teilweise besser als ältere Generationen. Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich teilt seine Sorge vor Polarisierung durch Algorithmen und sozialer Isolierung mit den Jugendlichen. Eine Schülerin ergänzt: "Ich habe aber online auch eine Community, die ich so nie gefunden hätte. Ich finde, da ist auch jeder für sich selbst verantwortlich." F.A.Z.-Herausgeber Carsten Knop sieht die Verantwortung auch bei den Plattformen und den Gesetzgebern: "Den Infinite Scroll könnte man einschränken. Findet ihr, man sollte lernen, wie man Content Creator wird?", fragt er das junge Publikum. Die Antwort fällt klar aus: Ja. Medienkompetenz sei in nahezu allen Berufen relevant. Weiterbildungsangebote müssten allerdings laufend aktualisiert werden.
»KI sollte in den Lehrplan aufgenommen werden.«
Schülerin der Helmholtzschule, die am Programm "Meine Zeitung – Frankfurter Schulen lesen die F.A.Z." teilnimmt.
Ein weiteres zentrales Thema: Künstliche Intelligenz und welche Rolle sie bereits im Unterricht spielt. Die Schülerinnen und Schüler berichten, dass sie KI als Ausgangspunkt für tiefere Recherche nutzen. Ein Schüler erklärt: "ChatGPT liefert schnelle, aber oft oberflächliche Antworten. Für Mathematik ist es unbrauchbar, zur Klausurvorbereitung aber hilfreich. Ich lasse mir immer Quellen mitangegeben. Für den Fremdsprachenunterricht lasse ich mir zum Beispiel Arbeitsblätter erstellen." Eine andere Schülerin fordert: "KI sollte in den Lehrplan aufgenommen werden." Auf die Frage, ob Lehrkräfte ausreichend vorbereitet seien, antwortet Schulleiter Ulmke: "Bereits seit 2022 beschäftigt sich eine schulinterne Gruppe systematisch mit KI, die Integration in den Lehrplan der Schule ist im Gange."
Journalistische Praxis und Verantwortung
Wo kommen die Informationen in der Zeitung eigentlich her und wie sieht ein Arbeitstag in einer Redaktion aus? Auch diese Fragen stellen die Jugendlichen nicht nur sich, sondern auch dem Podium. Carsten Knop erklärt die internationale Struktur der F.A.Z.: "Wir haben das größte Korrespondentennetzwerk Europas. Alle Weltregionen sind abgedeckt." Gerade diese weltweite Präsenz sei zentral für Qualität, auch wenn sie wirtschaftlich nicht unmittelbar profitabel sei. Im Rhein-Main-Gebiet arbeiteten fünfzig Redakteurinnen und Redakteure unmittelbar vor Ort. Rainer Schulze, einer dieser Redakteure, gibt Einblicke in seinen Redaktionsalltag: "Um 9 Uhr beginnt die tägliche Konferenz, Themen werden priorisiert: Was muss schnell raus? Was hat Zeit? Was eignet sich als Reportage? Dann besucht man zum Beispiel Pressekonferenzen, die für alle Medien abgehalten werden. Manchmal stolpert man aber auch spontan über Themen, kürzlich etwa einen Beitrag einer Mutter über das Schulessen ihres Kindes auf LinkedIn. Dann geht man dem nach, sucht Beispiele, prüft, ob es ein strukturelles Problem ist." Bis 16 Uhr müsse für die Printausgabe dann alles fertig sein, online zähle meist vor allem eins: Geschwindigkeit.
Auch die Zukunft der Printzeitung wird offen diskutiert: Wie sich die Zeitungswelt in den letzten zwanzig Jahren verändert habe, fragt ein Schüler. Die Auflage der Printzeitung sinke jährlich um rund zehn Prozent, so Knop. 37 Prozent der Papierleserschaft sei bei über 80 Jahre alt, das heißt man müssen mit einem Einbruch der Printabonnements von über 30 Prozent in den kommenden Jahren rechnen. Gleichzeitig verzeichne die Online-Zeitung aber täglich 1,5 Millionen Zugriffe, hinzu kämen Millionen Reichweiten in sozialen Netzwerken. Der Wandel sei tiefgreifend und stelle besonders den Lokaljournalismus vor Herausforderungen, deren Folgen man aktuell schon in den USA beobachten könne. Und doch, so Knop, habe der Journalismus als "einer der schönsten Berufe der Welt" selbstverständlich eine Zukunftsperspektive.
»Kritik, auch öffentliche, gehört dazu. Sie führt zu Selbstreflexion und, wenn nötig, auch zu Korrekturen. Das ist Teil des Berufs.«
Carsten Knop, Herausgeber der Frankfurter Allgemeine Zeitung
Sachlich, aber direkt sprechen die Schülerinnen und Schüler auch heikle Themen an. "Ist die Zeitung neutral in der Berichterstattung über den Gaza-Krieg? Deutschland hält ja zu Israel", lautet eine Frage. Knop antwortet offen: "Redaktionen müssen nicht neutral sein, es gibt bei uns auch klar gekennzeichnete Meinungsbeiträge. Die F.A.Z. ist im liberal-konservativen, bürgerlichen Meinungsspektrum verortet, aber die Sicherheit Israels ist, anders als für die Bundesregierung, nicht 'Staatsräson' für die F.A.Z." Zugleich betont er den Anspruch guter Berichterstattung: "Der Kollege vor Ort ist sehr bemüht, die Wahrheit aufzuschreiben und differenziert zu argumentieren. Das haben nicht alle so gesehen: Demonstrationen vor dem Verlagshaus, die der Redaktion Israel-Nähe vorgeworfen haben, waren aus meiner Sicht nicht berechtigt. Aber Kritik, auch öffentliche, gehört dazu. Sie führt zu Selbstreflexion und, wenn nötig, auch zu Korrekturen. Das ist Teil des Berufs."
Zum Ende des Gesprächs rückt das Thema Freiheit in den Mittelpunkt. "Wie wichtig ist euch Freiheit?", fragt Dievernich. Die Jugendlichen antworten klar: Freiheit bedeute, kritisch sein zu dürfen, aber auch, Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu tragen, wenn Grenzen überschritten werden. Dass diese Freiheiten in anderen Ländern fehlen, ist ihnen bewusst. Dievernich verweist auf die Frankfurter Tradition bürgerlichen Engagements: " Viele Errungenschaften in Frankfurt gehen auf Bürgerinitiativen zurück, zum Beispiel das Senckenberg Naturmuseum oder das Städel Museum." Knop ergänzt die historische Perspektive: Die Bundesrepublik sei jung und fragil, der Grundrechtskatalog hart erkämpft: "In eurer Generation ist es so wichtig wie nie, euch diese Freiheit zu bewahren."
Das Gespräch in der Helmholtzschule an diesem Freitagmorgen zeigt, wie "Meine Zeitung – Frankfurter Schulen lesen die F.A.Z." wirkt: Jugendliche hören nicht nur zu – sie hinterfragen, diskutieren und beziehen Position. Die Beschäftigung mit Qualitätsjournalismus wird so zur Übung in kritischem Denken, eigenständiger Meinungsbildung und demokratischer Haltung.